Interview

Hinschauen ist das Wichtigste

08.02.2024
Die DGB Frauen brechen das Schweigen!

Kristin Fischer, Koordinatorin im Bereich Schutz gewaltbetroffener Frauen und Polizeiliche Intervention bei der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG) über Unterstützungsmöglichkeiten und Hilfsangebote

 
Frau Fischer, was würden Sie als Anzeichen für erfahrene Gewalt bezeichnen, für die man im privaten und im beruflichen Umfeld sensibel sein sollte?

Es kann Rückzug sein, Niedergeschlagenheit, Ausweichen. Es geht nicht unbedingt um körperliche Gewalt. Vieles findet im Bereich der psychischen, der digitalen und der ökonomischen Gewalt statt. Es geht darum, die Zeichen zu erkennen. Das kann auch Angst oder Schreckhaftigkeit sein. Es ist auch in Ordnung, sich unter Kolleginnen auszutauschen, eine Rückversicherung zu holen und dann die betroffene Person anzusprechen, sie einladend zu fragen, ohne Erwartung und Druck aufzubauen. Denn das Thema ist sehr schambehaftet. Eventuell ist es leichter, in einem anderen Gesprächszusammenhang darauf zu kommen. 

Trenn dich doch! – Hilft so ein Rat?

Man muss wissen: Betroffene haben gar nicht in erster Linie den Wunsch, sich zu trennen – sie wollen, dass die Gewalt aufhört. Und das Äußern der Trennungsabsicht und eine Trennung sind mit einem fünfmal so hohen Risiko für Frauen und Kinder verbunden, erneute und stärkere Gewalt zu erleben. Hier passieren auch die meisten Femizide. Man muss diese Dynamik verstehen. Es handelt sich um eine Gewaltspirale –und mit jedem erneuten Durchlaufen wird die Gewalteskalation schlimmer. Es ist zunächst wichtig, Betroffenen zuzuhören, ihnen zu glauben. Denn leider passiert es häufig, dass den Frauen mit Unverständnis begegnet wird.


Was konkret kann man da sagen? 

Es ist wichtig, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen, dann den Verdacht zu äußern. Es ist gut, sagen zu können: Mensch, ruf doch mal das Bundeshilfetelefon an, dort wirst du auch anonym beraten. Oder: Um die Ecke gibt es eine Beratungsstelle, hier ist die Nummer. Im Grunde gilt es, fünf Schritte zu beachten: hinschauen, erkennen, ansprechen, abgrenzen, vermitteln. So ist es auch in einer sehr guten Kampagne der brandenburgischen Frauenhäuser erklärt. Von BIG gibt es die Broschüre „Was tun bei häuslicher Gewalt?“, die auf der Internetseite heruntergeladen werden kann.

 
Auch in der Arbeitswelt gibt es Gewalttätigkeit, erniedrigende Kommentare zum Beispiel. Wie geht man damit um? 

Auch hier gilt: nicht weghören, sondern reagieren, den Betroffenen zur Seite stehen. Arbeitgeber*innen sollten formulieren: Wir sind gegen partnerschaftliche Gewalt, gegen Gewalt an Frauen. Man kann dazu auf Angebote von  Beratungsstellen zurückgreifen, Fortbildungen besuchen. Ein sehr wichtiges ­Signal kann es sein, Aushänge zu machen: mit Notrufnummern oder etwas, wo man auch eine Telefonnummer abreißen oder Faltblätter von Beratungsstellen mitnehmen kann. In Bereichen wie der Eingliederungshilfe gibt es Gewaltschutzkonzepte. Der Bundesverband der Frauennotrufe und Fachberatungsstellen hat zur Unterstützung von Frauen mit Beeinträchtigungen gute Sachen entwickelt. Das ist übertragbar. Es geht vor allem um Haltung – darum zu zeigen, dass Gewalt nicht gutgeheißen wird. Betroffenen muss klar werden können: Ich trage nicht die Schuld für das, was mir geschieht. Das ermöglicht es ihnen auch viel eher, sich zu öffnen.


Das Interview führte Claudia Krieg für KOMM